“Vom Onanieren wird man nur blind, wenn man nebenbei versucht das Kleingedruckte zu lesen” (S. Jan, 2007)

Ihr wolltet Porno, jetzt bekommt ihr…na, wir werden sehen. Aber da nicht mal Franzi diese kleinen Heftchen ihren bekannten Zeitschriftentest unterzogen hat, kann ich ja nichts falsch machen.

Beginnen wir männlich. Also mit den Jungs. Das heißt mit dem Heft für Mädchen. Deshalb heißt das auch Jungsheft. Alles klar? Egal.

Zunächst zur Umschlaggestaltung des DIN A5 - und damit U-Bahntauglichen - Heftes. Die Papierqualität greift sich griffig. Das Cover zeigt Jarvis Cocker. Wie sein kleiner oder großer Pulp aussieht werdet ihr aber nicht erfahren, denn im Heft selbst bekommt er zwar eine textliche Ode, aber mehr als ein angezogenes Porträt wird nicht geliefert. Die Publikation will ja auch kein Starschnippelschnappelheftchen, sondern urbanes Guck- und Lesevergnügen sein.

Die innen abgedruckten Bilder der Gemächtsgenossen (ein Wort, was ich aus selbigem Heft lernte) wecken trotz heterosexueller Neigung mein Interesse. Da ich ja Rudelduschen weder in Fußballvereinen noch auf Y-Tours erleben durfte, kann ich nun ungeniert auf Untenrum-Frisuren, Längen- und Breitengraden sowie Vorhautformationen (was ein geiles Wort, oder? Ich wiederhole nochmal langsam: V o r h a u t f o r m a t i o n) starren.

Nach dem Editorial gleich das erste Farbbild eines leicht fertig aussehenden Samtsackoträgers mit Papageienschaukelohringen vor einem Urinal. Seine geröteten Augen haben die Farbe des entblösten P***hahns. Naja. Weiterblättern. Die erste Fotoreihe “Lecker Junge” empfängt uns mit dem veritable behaarten Jonathan auf einer Ledercouch. Sanfte Gesichtszüge lugen aus der Prinz-Eisenherz-Gedächtnis-Frisur hervor. Erektion und Form können sich sehen lassen. Das Lammfellimitat auf der Couchlehne ist hingegen grausam. Aber vermutlich ist das unausgesprochene Thema der Fotoreihe mit Jonathan “tierrische Haare“.

Wir nehmen die Fusel aus dem Mund und überfliegen Irvins Beitrag. Irvin ist der Heteropraktikant der beiden Herausgeberinnen und sieht aus wie jemand, dem ich nicht mal auf dem Weg zum Glascontainer begegnen möchte, aber seine Kolumne ist gelungen.

Der erste Knaller im Jungsheft - man möge es mir verzeihen - ist eine Frau. Dr. Dot. Dorothy aus Kansas knetet um den ganzen Globus Promis das welke Fleisch die teuren Körper und weiß im Interview auf amüsante Weise Tratsch zu klatschen. Zum Beispiel hat sie Mariah Carey mal die Süßigkeiten weggefuttert, woraufhin diese einen kleinen Tobsuchtanfall bekam. Ich schlage Dr. Dot als nächstes Mädel für das Giddy-Heft vor…

Die Tipps für Tinnef - hier “Schinckes” genannt - mag für die ein oder den anderen interessant sein. Im Großen und Ganzen hat es aber Ehrensenf-Niveau. Oder hat jemand ernstlich Bedarf an einer CD mit 60 Stunden (sic!) Stöhn-Sounds? Der nächste “Lecker Junge” heißt Sebastian, zeigt Sterntatoos, Hintern und lockenfreie Klöten zu Fluppe und Rotwein. Ist ok.

Schon wird man wieder von einer Kolummne unterbrochen, deren Titel ich erst beim zweiten Hingucken richtig erkannte. Anfangs las ich Nachwischen, was ja in so einem Heft auch sinnvoll sein kann. Gemeint ist aber Nachwichsen. Ein stilistisch etwas überfrachteter Text, der seinen Höhepunkt darin findet, der Mädchenwelt weismachen zu wollen, das Jungs nach einer sexuell erfolgreichen Nacht kaum alleine zu Hause angekommen, das Telefon ausstöpseln (bitte was?!), um heisse Luft in eine alte Socke zu juckeln. Vorwichsen. Das wäre eine Kolumne wert gewesen. Aber Nachwichsen?

Es folgt die Ode an J. Cocker, dann eine doppelseitige Schwanzlandschaft in rot, die mich an alte Schulheftzeichnungen erinnert (nur der Stil, nicht der Inhalt!) in der Heftmitte - Centerfolds können auch anders aussehen. Der folgende mit “Prima Plastik” überschriebene Dildo-Test erweist sich als wahllos aneinandergereihte Beschreibung weniger Modelle der schüttelnden Ersatzschwänze. Das gab es bei Lilo Wanders schon vor 15 Jahren ausführlicher. Das einzige was ich gelernt habe, ist dass es jetzt einen Rüttelstab für Männer gibt - in Pinguinform! Zitat: “…der mit seinen Flossen den Penis festhält, während sein Schnabel sich auf die Eichel drückt und dann lecker vibriert.” Nun, da muss wohl erst meine Hand abfaulen…

Die alberne Fotoreihe voltigierender Kerle lassen wir galant hinter uns. Der etwas ausführlichere Text zum Thema “Groupies” ist ok. Es folgt Tim. Auch ein normal daherkommender Jungmusiker, der die unbehaarte Brust und alles andere auch entblöst und auf einem Foto völlig dämlich ein Feuerzeug neben dem besten Stück entzündet. Ganz süß.

Wie man aus einem Sweatshirt einen Rock bastelt, wollte ich nicht wissen, habe es deshalb nur überflogen. Genauso wie das belanglose Interview mit International Pony. Das aus meiner Sicht gelungenste Shooting ist das abschließende mit Felix. Der Bankkaufmann mit Narbe auf dem Rücken lümmelt sich schwerbeschäftigt auf einer Liegefläche herum. Gefällt.

Inhaltlich schließt das Heft mit einem Text über das Klischee “Dumm fickt gut”. Ordentlich geschrieben. Es kommt sogar das Wort Blog vor. Die Gültigkeit eines Klischees mit einer selbsterlebten Geschichte (rohrverlegender Handwerker) zu überprüfen, bleibt zweifelhaft. Schlauer bin ich nicht geworden. Kann ich deshalb jetzt….egal.

Fazit: Einige ansehnliche Bilder, Lesehappen unterschiedlicher Qualität. Porno? Im Sinne der Jugendsprache von vor 5 Jahren - als etwas besonders gutes statt mit geil mit porno belegt wurde? Nicht wirklich. Aber immer noch lieber so ein Heft, als Putin beim Angeln.

Und nächste Woche dann das Giddy-Heft. Stay tuned!

PS: Glam, jetzt kannst du mal eine Praline rezensieren.

30 Responses to “Giddy und die Jungs - first Review”

  1. on 20 Aug 2007 at 1:38 am rob

    Herr Sabbeljan - Sie verstehen es, das Sommerloch zu füllen!

    (Irgendwie klingt obiger Satz vor dem Hintergrund des Blogbeitrages komisch…)

  2. on 20 Aug 2007 at 1:46 am Markus

    Sehr schöne Rezension. Und das haben Sie jetzt davon. ;-)

  3. on 20 Aug 2007 at 8:51 am Ultimonativ

    Reizt mich jetzt nicht zum Kauf, aber sehr amüsant. :-)

  4. on 20 Aug 2007 at 8:56 am glam

    erinnert mich an butt-magazine ohne die gucci-reklame. nur, dass im butt-magazine noch nicht zu lesen war, wie man aus einem sweatshirt einen rock macht.

  5. on 20 Aug 2007 at 10:25 am glam

    ach so ja - das mit der praline mach ich. ich muss mir nur ne verkleidung für meinen kiosk überlegen, oder gibts die vielleicht auch bei amaz´sohn?

  6. on 20 Aug 2007 at 10:29 am Markus

    @glam: Nur im Abonnement. ;-)

  7. on 20 Aug 2007 at 10:36 am sabbeljan

    @rob: danke, man(n) tut was man kann.

    @markus: danke. was habe ich davon??

    @ultimon: solche heftchen kann man ja weiterverleihen, muss man nicht kaufen ;-)

    @glam: ist das dann ein kompliment - der vergleich mit dem butt-magazine? zum pralinekauf einfach den kiosk wechseln oder dem verkäufer des vertrauens sagen, es wäre für den kleinen cousin, der demnächst 16 wird und du ein geburtstagspaket für ihn schnürst ;-)

    @markus: pfui, wie böse ;-)

  8. on 20 Aug 2007 at 10:41 am reformstau(b)

    Der Zusammenhang zwischen dfg (”dumm fick gut”) und blog würde mich mal interessieren.

    P.S.: Die Methode, eine Hypothese mit einer selbsterlebten Geschichte zu überprüfen nennt man wohl anekdotische Inferenz.

  9. on 20 Aug 2007 at 10:43 am Markus

    @Sabbeljan: zu Ihrer Nachfrage “was habe ich davon?” auf meinen ersten Kommentar: Da ist ein Link auf dem Wörtchen das (ist in obigem Kommentar schlecht zu sehen bei dem geringen Farbunterschied zwischen Text- und Linkfarbe in Ihrem Gehege), ja und das haben sie eben davon. Ein alleinstellender Spitzenplatz in Google zu diesem Wort.
    (Ein Hinweis: in diesem Kommentar befindet sich nun KEIN Link, als bitte nicht wie wild auf den Wörtern rumklicken. Nutzt nichts. In obigem 1. Kommentar von mir wird man fündig.)

  10. on 20 Aug 2007 at 10:50 am sabbeljan

    @markus: ah, danke! (die farbgebung ist nur in den kommentaren ein problem, weil im post selbst ja der link unterstrichen wird, was ich auch immer noch als die beste methode empfinde)

  11. on 20 Aug 2007 at 11:42 am sabbeljan

    @reformstaub: die dame hat während der handwerker in ihrer wohnung fuhrwerkte mit einer freundin telefoniert und dabei auch in blogs nach pro/contra argumenten für eine schnelle nummer mit einem testosteronschwangeren, aber nicht zwingend sehr belesenden typen gesucht. das war alles.

    “anekdotische Inferenz”. sehr schön. genau das.

  12. on 20 Aug 2007 at 12:39 pm glam

    @markus
    ich schließe abonnements immer nur an der haustür ab, um den erhalt der drückerkolonnen zu gewährleisten, denn die spezies ist vom aussterben bedroht. immer mehr callcenter-agenten und agentinnen rauben ihnen den lebensraum. es macht mir große freude, diesen jungen menschen für kurze zeit eine wohltemperierte umgebung bieten zu können, und ich möchte diesen kommentar zum aufruf an alle blogger nutzen: schützt eure drücker! redet auch mit den zeugen jehovas, sprecht sie direkt einmal einfach so auf der straße an. ihr könntet ihnen auch freundlicherweise eine ausgabe der praline in die hand -äh- drücken.

  13. on 20 Aug 2007 at 12:45 pm Markus

    @glam: Sehr löblich. Mein Hinweis, dass es bei amazon Praline-Hefte nur im Abonnement gibt, war auch keinesfalls als Handlungsempfehlung gedacht, sondern nur zur Klärung, dass diese anonyme Einkaufsmöglichkeit wegfällt. Und natürlich gilt es, die symphatischen Drückerkolonnen zu unterstützen, wo immer möglich.

  14. on 20 Aug 2007 at 1:37 pm creezy

    Ich wusste es, ich wusste ich kriege Jarvis Cocker wieder nicht nackisch! Ich habe das jetzt mal öffentlich gemacht, das Schmuddelblättchen-Wettrezensieren

    Das mit dem Abo lasse ich nicht gelten, der Verlag schickt gerne ein Probeexemplar sobald man sich als interessierter Anzeigenkunde outet!

    Herr Sabbeljan, hat zwar gedauert, ist dafür aber umso schöner geworden! ;-)

  15. on 20 Aug 2007 at 1:38 pm creezy

    Aber das hier: Da ich ja Rudelduschen weder in Fußballvereinen noch auf Y-Tours erleben durfte glaubt Dir auch keine Blogsau!

  16. on 20 Aug 2007 at 1:54 pm eigenart

    Da erzählen Sie was von “Vorhautformationen” und “Untenrumfrisuren” und dann soll ich ein Wort wie “Samtsackoträger” beim ersten Versuch ordentlich entschlüssen?!?

    “Samtsäcke”? Ist das jetzt noch so’ne Wortkreation?

    Zweitens: Wie sich jemand namens “Cocker” für ein Foto nicht untenrum freimachen kann, ist mir unerklärlich…

  17. on 20 Aug 2007 at 3:15 pm creezy

    @eigenart
    Zum letzten Satz: sach’ ich doch! Kapiere ich auch nicht!

  18. on 20 Aug 2007 at 4:12 pm The Exit

    Sehr schick Ihre Rezession, auch wenn sie sich ein klein wenig “technisch” liest. Ich hatte mich ja angeboten, einen Peer-Review zu schreiben…

  19. on 20 Aug 2007 at 4:24 pm sabbeljan

    @creezy: wieso sollte mir das keiner mit dem rudelduschen glauben? versteh ich nicht.
    und der cocker jarvis sieht mit seiner brille aus, wie ein hängengebliener chemiestudent ;-)

    @eigenart: samtsack o hat mich selbst bei schreiben stocken lassen.

    @exit: bei dem giddyheft werde ich weniger technisch und mehr prosaisch sein, versprochen. aber peer-to-beer geht klar!

  20. on 20 Aug 2007 at 8:49 pm glämmerpraliné

    meine kollegin augusta hat sich bereit erklärt, mir den walk of shame zu ersparen und mir eine praline zu besorgen. ich habe schließlich meinen schwulen ruf zu verlieren. und irgendetwas sagt mir, dass eine adäquate pralinenverkostung mehr text gibt, als nur ein posting. we shall see.

  21. on 21 Aug 2007 at 10:21 am creezy

    Ich erzittere vor Vorfreude …

  22. on 21 Aug 2007 at 10:32 am lucky

    da sind doch eine menge schöner begriffe drin für hier: http://kompetenzteam.antville.org/
    eh’s nachher wieder nur bei gaggle steht.

  23. on 21 Aug 2007 at 10:47 am sabbeljan

    @glämmerpraline: ick freu mir!

    @lucky: danke für den hinweis. werde mal was eintragen.

  24. on 21 Aug 2007 at 6:41 pm glämmerpraliné

    herr jan, ich sach ihn 1: versuchen sie mal die praline zu kriegen. drei kioske hat die gute frau augusta aufgesucht. vergebens. hilft ja alles nüscht, ich mach mir morgen mal selbst auf die pein-pirsch.

  25. on 21 Aug 2007 at 6:50 pm sabbeljan

    @glämmer: wenn ich eine finde, lass ich sie ihnen zukommen. wahlweise geht ja auch irgendein anderes heft dieses formates z.B. st.pauli-nachrichten oder wochenend (falls es das alles noch gibt…)

  26. on 22 Aug 2007 at 3:15 pm glämmerpraliné

    praline ist aus. man sagt, sie sei nach ungarn rübergemacht. aber ich werde eine schöne frivole süßigkeit finden, des bin ich gewiss.

  27. on 22 Aug 2007 at 6:20 pm rob

    “(falls es das alles noch gibt…)” - natürlich wissen Sie das nicht, Herr Sabeljan … ja, is klar.

  28. […] Schokoeis-Alternativmainstreamliberal-Radfahr-Gerechtigkeits-Schubladenhass -HSV-Berlin-Mittelmaß-Fragestell-Vorhautformationsblogger […]

  29. on 27 Aug 2007 at 9:43 am coupédick

    fertig! also halb. bis s.57 hab ich durchgehalten. und das beilagenheft im hausflur verloren.

  30. on 11 Feb 2008 at 11:07 am Björn

    Eine aufschlussreiche Rezension, Herr Jan. Doch wie schaut es aus mit der versprochenen Durchsicht des weiblichen Pendants “Giddyheft”, also für die Männer, die sich nicht sonderlich für selbige interessieren, wie sie Sack und Flöte präsentieren? Kommt da noch ein Text?

Trackback URI | Comments RSS

Leave a Reply