Vorruf (1)

Michael Glos, Papst Benedikt, Kathi Witt und wer weiß, vielleicht sogar Alice Schwarzer hat es schon getroffen. Sie sind vermutlich bereits tot. Zumindest in den Schubladen der Medienmacher. Ab und an gibt es Auszeichnungen für das “Lebenswerk” als Warm-up für diese Nachrufe. Aber wie der aktuelle Fall Ulrich Mühe und viele andere zeigen, kann das Warten darauf, zu spät kommen. Ich kann hier zwar niemanden auszeichnen, aber ich schaffe jetzt den Vorruf. Das hat nicht nur für die berufene Person den Vorteil, schon zu Lebzeiten entsprechende Würdigung zu erfahren, sondern auch für mich, denn wer kann schon genau wissen, ob ich vielleicht nicht vor den Gewürdigten das zeitliche segne.

Bekanntermaßen bin ich kein Anhänger der FDP und insofern hätte ich Hildegard Hamm-Brücher spätestens im Juni 2002 in mein Herz geschlossen, als sie aus Protest gegen die anhaltenden antisemitischen Äußerungen von Jürgen W. Möllemann - die Partei verlassen hat. Sie wäre mir aber auch schon als Bundespräsidentin 1994 sympathisch gewesen.

Zwischen Hildegard der Großen und mir liegen nicht nur zwei Generationen, sondern auch Welten. Eine lebenslang engagierte Frau, die 1945 ihren Doktor in Chemie gemacht hat und unter anderem Staatsministerin unter Hans D. gelber Pullunder Genscher war, auf der einen Seite und einem Kohl-Ära-Kind mit Internetflausen auf der anderen Seite - da ist die deutsche Sprache schon fast der kleinste gemeinsame Nenner. Es ist jedenfalls nicht anzunehmen, dass Frau Hamm-Brücher sich jemals über Pornohefte auslassen würde. Nur mal so zum Beispiel. Aber das sie Handy und Internet skeptisch gegenüber steht, kann man ihr nicht übel nehmen.

hamm_bruecher

Als stetige Kämpferin für demokratische Prinzipien besuchte Frau Hamm-Brücher am 8. Mai 2005 - Tag der Befreiung - an dem anlässlich eines drohenden NPD-Aufmarsches am Brandenburger Tor ein Tag für Demokratie zelebriert wurde, die Berliner Fanmeile. Als ich sie zufällig bei einem Pulk Journalisten stehen sah, aus dem sich ihr Mikrophone entgegen reckten, habe ich ein schnelles Foto geschossen. Im Herbst desselben Jahres las ich dann das gemeinsam von ihr und Sandra Maischberger geschriebene Buch “Ich bin so frei“. Und schon damals dachte ich, dass es wirklich an der Zeit ist, dieser Dame eine schriftliche Verbeugung zu kommen zu lassen. In diesem Land wird ohnehin zu wenig gelobt, gewürdigt und Positives formuliert. Auf Nachfrage im Verlag erhielt ich eine Anschrift, an die ich ein kleines Schreiben mit besagtem Fotos schickte.

Mit einer Reaktion von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens rechnet man bei solch einer schriftlichen Ansprache eigentlich nicht. Umso mehr habe ich mich gefreut als etwa 3 Wochen später ein handschriftliches Kärtchen und dem Abdruck einer Rede zu Ihren politischen und persönlichen Lebensstationen im Briefkasten lag.

hamm_bruecher_karte

Hoffentlich kann sie noch lange wirken!

5 Responses to “Vorruf (1)”

  1. on 01 Aug 2007 at 8:05 pm Markus

    Lieber Herr Sabbeljan (ich schreibe Ihren Namen hier ganz dreist aus!),

    klasse Idee (das mit dem Vorruf) und tolle Frau (die Hildegard).

    Alles Gute wünscht M. Trapp

  2. on 01 Aug 2007 at 9:52 pm sabbeljan

    @markus: das ist ja wirklich dreist von ihnen! aber mit dem rest machen sie alles wieder gut ;-)

  3. on 02 Aug 2007 at 11:56 am saxana

    Freut mich, dass wir den gleichen Geschmack haben. Sie gefällt mir sehr und das von Ihnen “Gemachte” auch.

  4. on 02 Aug 2007 at 1:36 pm kleines Licht

    Wenn ich es nicht gelesen hätte wäre besagt betagte Dame unter die Mühlsteine des Vergessens geraten. Ein ANRUNGSER in sachen Aufmerksamkeit, nicht nur des Zufalls in eigener Anwesenheit eine Kamera im richtigen Moment zur Hand gehabt zu haben, sondern auch der Teppich den sie hier Ihr ausrollen, ist geschmackvoll.

  5. […] der Abgesang als Echo in der Blogosphäre schon wieder verhallt sein. Und es zeigt sich, dass ein Vorruf mal wieder besser gewesen wäre - auch wenn hier kein Mensch gestorben […]

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