Zeitwaise

Vorsichtig betastet sie den brennenden Punkt im Nacken. Das erhabene Fleisch unter ihrem Haaransatz bildet einen Halbkreis. Der Geruch von verbranntem ICH kriecht auf alle Sinneszellen. Die Zunge schmeckt das ICH. Die Nase saugt das ICH. Bis in die Risse der trockene Haut sickert der Duft vom Stück des aufgelösten Selbst.

Noch immer benommen vom heftigen Schlag, der seine Schmerzboten das Rückgrat hinunterjagt, versucht sie aus der knienden Position auf die wackeligen Beine zu kommen. Die Hände stemmen sich gegen den staubkörnigen Untergrund und ihr gebückter Körper windet sich nach oben. Merkwürdiger Weise hält der aufkommende Schwindel sie in einer labilen Senkrechten.

Den sandig-verwirbelten Schatten bemerkt sie - ohne ihm jedoch Bedeutung beizumessen. Erst als sich aus dem Gelbgrau eine dunkle Figur abzeichnet, versucht sie ihre Konzentration auf die Wahrnehmung der Umgebung zu lenken. Sie spürt eine Nähe die keine Richtung hat. Ihre Atmung verebbt zu einem Rinnsal.

Als der zerlumpte Umhang den lippenlosen Mund öffnet, schreit das Wundmal am Hinterkopf lautlos. “Aus Dir ist die Zeit gewichen”, vernimmt sie so deutlich, wie das fiebrige Flimmern im Ohr es eben zu lässt. Weite Endlichkeit füllt ihr Innerstes.

Liegt sie noch am Boden? Ist der Satz nur das Echo eines donnernden Traumes? In einem anderen Winkel des pochenden Schädels ist sie sicher, die Worte werden erst morgen zu ihr gelangen. Morgen, im nächsten Leben. Nach dem vorangegangen Heute. Jetzt.

6 Responses to “Zeitwaise”

  1. on 10 Apr 2007 at 1:47 am rob

    Erschreckend intensiv - erschreckend, wenn die Zeit entweicht.
    Intensiv der letzte Hauch der Zeit. Doch eben nur ein Hauch.

  2. on 10 Apr 2007 at 10:44 am creezy

    Uiuiui, wenn sich das mal nicht nach einem sandigen finalem ShowDown liest. „Duft vom aufgelösten Selbst“ gefällt mir … gefällt mir sehr.

  3. on 10 Apr 2007 at 11:11 am kleines Licht

    Das kommt von den vielen Osterhasen, bestimmt Sabbeljan:) die hatten isomorphe Mindfuckertarnung und unter vielen, Witze über Ihr Dasein verbreitet, obwohl sie mit den Diskordianischen Päpsten die sie für Menschen hielten zum HotDog essen verabredet waren und am ende für ihr Zuspätkommen einen vergiffteten Shanghaier Kugelfisch vorgesetzt bekamen der ihre Bioportqualität ruinieren sollte um damit die Konsolensteuerung zu mindern.
    Tip: folge nie einem verwirrten weissen Kannienchen, auch wenn Schwindel aufkommen sollte nach Ostern ;););)uiuiui

  4. on 10 Apr 2007 at 9:54 pm bittersweet choc

    schön beschrieben, lieber jan. ich hoffe allerdings, dass mir noch ein wenig zeit bleibt. mindestens noch heute.

  5. […] Zeitwaise […]

  6. […] Zeitwaise Zeitwaisen […]

Trackback URI | Comments RSS

Leave a Reply