Hat die Bloggosphäre eine Glasdecke?
February 24th, 2007 by sabbeljan
Dieser Beitrag braucht zwei Vorbemerkungen.
Es geht nicht um mein kleines Gehege hier. Mein Drang in die Top 100-Listen zu gelangen, geht gegen Null. Wie beim Großteil der Blogger geht es hier um den ganz persönlichen Spaß.
Es geht auch nicht um die ständig virulente Diskussion über die Relevanz solcher Listen.
Worum es geht, ist das was vermutlich viele aktive Blogger sehr subjektiv empfinden: Die Bloggosphäre hat trotz allem getagge, gewonge, aller technorati und allerlei anderer deliciöser Hilfsmittel eine - wenn auch nicht schmerzhafte - doch spürbare Glasdecke.
Jens Schröder hat mir auf Nachfrage dankenswerter Weise die Anzahl der unterschiedlichen in den deutschenblogcharts vertretenen Blogs übermittelt, die sich dort seit Beginn dieser Charts (1.1. 2006) tummeln. Es sind bislang insgesamt 200 verschiedene Blogs in der Top 100 Liste gelandet.
Ist diese Zahl nicht erschreckend gering, bei einer geschätzten Anzahl von mehr als 500.000 Weblogs in Deutschland? Und durch die 200 Blogs hat es auch keinen turnover oder eine große Durchmischung gegeben, denn wertet man die Zahl der Wochen aus, die verschiedene Blogs in den Top 100 (Jahrescharts 2006) vertreten sind, stellt man fest, dass 45 Blogs von Beginn an - also 52 Wochen - dabei sind.
Woran liegt das? Blogs werden von den meisten Usern eher zufällig gefunden. Sagt jedenfalls die Blogstudie 2007. Und Technorati ist eben kein Perlentaucher.
Neben der knappen Ressource Aufmerksamkeit scheint es mir plausibel, dass es auch an der Selbstreferenzierung liegt. Die Top-Blogger verweisen gerne und oft auf Ihresgleichen. Auch das Programm der anstehenden re:publica 2007 (auf die ich mich trotzdem schon freue!) zeigt die üblichen Verdächtigen. Selbst wenn ix zurecht darauf hinweist, dass die neue Spielwiese von blogscout andeutet, dass die Blogger in der Publikumsgunst weit oben stehen, die auf andere Blogger verlinken. Auf wen verlinkt wird, kann man den Zahlen nicht entnehmen. Ausserdem erscheint es mir zwangsläufig, dass Blogs mit hohen Besucherzahlen viele “out-klicks” produzieren.
Der long tail hat es eben schwer, sich nach oben zu recken, auch wenn Johnny meint:


Vielleicht ist mein Hirn zu matt und milchig, um das mit der Glasdecke zu verstehen. :) Absurdistan war anfangs mal gut drei Monate lang auch in den Charts drin, ist seit dann aber irgendwo ins Jenseits gerutscht, wo es ihm aber auch ganz gut gefällt. Mir persönlich ist komplett wurscht, welchen Alphabets-Buchstaben man meiner Seite gibt, in welche Liga man sie stopft… Hauptsache, Spaß dabei und vielleicht auch ein wenig das Gefühl, irgendwie voran zu kommen und sich zu entwickeln. Noch ist beides da. :)
ole: wie in meinen vorbemerkungen erklärt, geht es mir ja auch wie dir. aber das phänomen als solches finde ich schon interessant.
Ist es nicht das gleiche Phänomen wie überall in der Industrie? Komisches Wort in diesem Zusammenhang, ja, aber nehmen eben die Bücher- oder Musikindustrie: die gleichen sagen wir mal 50-100 Musiker oder Schriftstller landen automatisch erstmal in den Top 100 der Bestsellerlisten, egal wie gut oder schlecht die gebraute Suppe. Oft ist sie ja auch gut, das ist nicht der Punkt, auch etablierte können Gutes abliefern, aber der Nachhall ist dennoch enorm - oder findet irgendjemand z.B. das letzte Buch von John Grisham gut? War wahrscheinlich trotzdem ein Megaseller. Während andere Autoren, die was Frisches hätten, nicht mal einen Buchbertrag bekommen.
Der Unterschied zur Inustrie ist jedoch, daß man jenseits von Produktion, Vertrieb und Marktstrategie beim Bloggen tun und lassen kann was man will, auf Erfolg und Markt nicht angewiesen ist, die Initiative und die Produktionsmittel jedem zugänglich sind - und das ist das Gute dran und deswegen sind solche Blogcharts eben auch ziemlich irrelevant.
Kann mir mal jemand bitte analog zu diesen “Zu cool für Internet-Explorer” so einen “Zu cool für Blogcharts”-Störer erstellen?
“A-Blogger der Herzen” zu sein, reicht mir völlig.
Eine interesante Überlegung. Ich erkenne in der Schwizer Blogchart dasselbe Phänomen, obschon es da um viel weniger aktive Bligger geht. Ich denke dass sich Blogger zum Ziel gemacht haben möflichst lange Top zu sein und sich mit allem nur erdenkbarem verlinken und 1000e Blogs lange Blogrolls erbasteln.
Das ist eine These.
ich finde dieses blogcharts-gegucke ist eine eigenschaft von y-chromosomen. ich neige hin und wieder auch zu solchen tendenzen, habe aber irgendwann mein zählscript rausgenommen. es ist schliesslich frustrierend, nicht in den top100 zu stehen. ich habe irgendwie dann doch andere sorgen ;)
der vorschlag von eigenart mit “zu cool für blogcharts” ist ausgezeichnet!
@all: ich bleibe dabei: wer in solchen listen auftaucht, wer nicht und ob solche listen überhaupt interessant sind, ist nicht das thema. aber die auswertung der listen geben zu mindestens einen hinweis darauf, dass das medium blogg ähnlichen mechanismen unterliegt, wie andere medien. und das auch hier trotz allem technischen schnickschnack die ressource aufmerksamkeit eine grosse rolle spielt. das kann man doch mal feststellen, ohne gleich unterstellt zu bekommen, mein y-chromosom befriedigen zu wollen.
Logistisches Wachstum mit Obergrenze oder so. Die Kurve flacht immer mehr ab, je näher sie der Obergrenze kommt.
Es gibt eine Glasdecke, auf jedes einzelne Blog bezogen.
Hängt von vielerlei Faktoren ab. Mit logistischem Wachstum könnte man das vllt. näherungsweise ausrechnen.
Mal ganz ab von den “Link-Zahlen”:
Ich denke eine gewisse Obergrenze ergibt sich auch aus der Leserschaft und deren Aufnahmekapazität. Wobei die Zahl der Blog-Leser sicher noch wachsen wird und damit auch die Aufnahmekapazität. Denn die Frage ist doch wieviele Blogs kann man verfolgen. Auch mit Feedreader ergeben sich irgendwo zeitliche Grenzen und man muss auswählen.
Da man eher über “große”/bekannte Blogs einsteigt und da mal auf die Links klickt bleibt für die “kleinen” erst mal wenig Aufmerksamkeit übrig. Und Leute die vielleicht auch anfangen wollen zu bloggen, werden auch erst mal bei den größeren Blogs mitlesen die das “Bloggen an sich” thematisieren.
Und letztlich darf man sich doch nichts vormachen, wenn man bloggt und es interessiert keinen wird es doch sicher fad und man hört auf (Grenze bei der Aufmerksamkeit durch Leser)
Das hat aber nichts mit irgendwelchen Blogcharts-Platzierungen zu tun. Man kann ja auch ohne großartige “Linkfarmen” eine interessierte LEserschaft haben.